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"Angst vor Erdbeben", Der Spiegel

24.11.2016

Präsidentin Kersti Kaljulaid, 46, über neue baltische Ängste nach Trumps Wahlsieg in den USA.


SPIEGEL
: Frau Präsidentin, der designierte US-Präsident Donald Trump bewundert Putin und stellt das Nato-Engagement seines Landes infrage. Sein enger Berater Newt Gingrich hat Estland als Vorort von St. Petersburg bezeichnet. Erschreckt Sie das?

Kaljulaid: Solche Aussagen sind nicht ermutigend. Aber wir leben in einer Zeit sehr bunter Politiker, die vor den Wahlen Sachen sagen müssen, die sie gar nicht ernst meinen. Deshalb sind wir nicht beunruhigt. Außerdem hat die Nato beschlossen, die Truppen in unserer Region aufzustocken, und das geschieht auch.

SPIEGEL: Will Putin sich nach Teilen der Ukraine womöglich auch das Baltikum einverleiben?

Kaljulaid: Für mich ist das so, als ob man einen Japaner nach der Angst vor Erdbeben fragt. Die sitzen auch nicht gelähmt in der Ecke. Sie handeln, sie bauen Häuser, die Erdstößen widerstehen können. Im Ernst: Russland ist eine unberechenbare Kraft an der Ostflanke der Nato. Wir glauben aber nicht, dass Moskau wirklich einen Nato-Partner angreift. Auch wir handeln: Wir arbeiten eng mit unseren Partnern zusammen. Es gibt kein besonderes baltisches, estnisches Sicherheitsinteresse. Unsere Sicherheit ist im Interesse aller.

SPIEGEL: Rund ein Viertel der estnischen Bevölkerung ist russischer Herkunft. Könnte das nicht Putin als Vorwand dienen, gegen Ihr Land loszuschlagen?

Kaljulaid: Die russischsprachigen Esten sind loyal. Estland ist ein Rechtsstaat, der für seine Bürger sorgt und ihnen Meinungsfreiheit garantiert.

SPIEGEL: Viele Osteuropäer sehen Deutschland als Hegemonen in der EU. Sie auch?

Kaljulaid: Deutschland hat in den letzten Krisen eine wundervolle Rolle für Europa gespielt, ohne das Engagement der Bundesrepublik wäre der Kontinent vielleicht auseinandergedriftet. Dafür sind wir dankbar. Die europäischen Verträge legen aber fest, dass kein Land eine Sonderrolle spielen darf.